Goldene Hochzeit

Endlich wieder auf dem Heimweg!

Ein IC fährt leider nicht so ruhig wie ein ICE, also klappt es nicht, mit dem Schreiben direkt auf meinem Netbook. Ich habe einen Platz an einem Tisch reserviert bekommen, aber selbst damit ist es zu unruhig und auch zu unbequem. Der Zug nach Berlin ist mehr als voll und in dem Großraumabteil ist es auch für mich klein Person eng.

Das Wochenende bei meinen Eltern war anstrengend.

Maja, mit der ich Freitag noch telefoniert hatte, wünschte mir „trotz allem ein schönes Wochenende, ich weiß ja wie sehr du dich darauf freust“. Sie kennt mich eben gut. Familienfeiern, besonders mit meiner Familie, kann ich gar nichts abgewinnen.

Doch vor der goldenen Hochzeit kann ich mich schlecht drücken, besonders da sie die Feier – wegen mir – vom Donnerstag auf den Samstag verlegt haben. Ich bin außerdem das Drei-Monats-Kind, wegen dem sie damals heiraten mussten.

Wegen des Wetters bin ich nicht mit dem Wagen gefahren. Mein Zug hatte Freitag reichlich Verspätung, so dass ich in Hannover den Anschlusszug nicht bekommen hatte und mein Vater mich erst gegen 23 Uhr vom Bahnhof abholen konnte.

Eigentlich wollte ich ein Gemeinschaftsgeschenk organisieren und hatte dafür letzten Sommer das komplette Adressbuch und die Gästeliste, die bei meinem Eltern am Computer herum lag, heimlich abfotografiert. Eine Kreuzfahrt ist schon seit Jahren der Traum meiner Mutter, auch wenn sie davon vielleicht nur „Traumschiff“-Vorstellungen hat.

Da die Verwandten und Freunde allerdings fast alle genauso finanzschwach wie meiner Eltern sind, hatte ich dann davon abgesehen. Ich hätte zwar selbst bis zu 1.000 € dazu gegeben, doch auch dann hätte es lange nicht gereicht. Nebenbei: mein Bruder hat auch nichts Besonderes geschenkt, sondern gerade mal 100 € in einen Umschlag getan. Mein Bruder lebt in ähnlichen finanziellen Verhältnissen wie ich, aber er ist halt nicht nur nicht großzügig sondern geizig.

Den restlichen Freitagabend verbrachten wir damit, dass ich meine Eltern, oder mehr meine Mutter, in das neue Notebook einwies. Das war ein Teil meines Geschenks, da ihr alter Rechner kaputt gegangen war (den hatten sie damals auch von mir bekommen). Die Umstellung von XP auf Windows 7 war für die beiden nicht ganz einfach.

Wir saßen im Wohnzimmer. Auf dem Ledersofa und den -sesseln lagen Wolldecken. Damit es nicht so kalt ist, wenn man darauf sitzt. Die Decken waren auch nötig und ich war froh, dass ich bei meinen Eltern noch ein Paar alte Lammfell-Hausschuhe deponiert hatte. Als ich fragte, ob sie nicht die Heizung höher drehen könnten, wurde das von meinem Vater gleich abgelehnt „20 Grad sind warm genug, Heizöl ist so teuer geworden“. Ich zog mir also meine Fleece-Jacke wieder über und bat um einen heißen Tee. Wenn es überhaupt 20 Grad waren, mir war es deutlich zu kalt.

Als mein Vater in die Küche ging, sagte meine Mutter mit gepresster Stimme „Immer muss es nach seiner Nase gehen! Mir sagt er, ich soll mir eine Wärmflasche nehmen und ein Paar Socken mehr anziehen. Irgendwann erschlag ich ihn!“

Das war ja ein wundervoller Vorabend zur goldenen Hochzeit! Aber ich kenne meine Eltern ja schon lange, so sagte ich nichts dazu. Meine Mutter erwähnte die Sache auch nicht weiter.

Die Zeremonie fand am Samstagvormittag in unserer kleinen Kapelle statt. Meine Mutter hatte mit Unterstützung einer befreundeten Floristin liebevoll Altar und Bänke geschmückt. Es war sogar weniger kitschig als ich erwartet hatte und mit den weißen Rosen sehr schön.

Sie hatten vorher schon mit dem Pastor besprochen, dass ich Fotos machen würde. Da ich mich deshalb die meiste Zeit in der Nähe des Altars bewegte, hatte ich den besten Blick auf meine Eltern. Sie saßen mit dem Rücken zu den Gästen direkt vor dem Pastor vor dem Altar.

Meine Mutter hatte Tränen in den Augen und versuchte krampfhaft nicht anzufangen zu weinen, als der Pastor ihre kleine Liebes- und gemeinsame Lebensgeschichte erzählte. Dass mein kleiner Bruder wie auch ich keine Wunschkinder waren, wusste er sicher nicht. Besonders hervor hob der Pastor die vielen gemeinsamen Aktivitäten meiner Eltern, er nannte sie unzertrennlich.

Na, da hatten sie ihm ja ein schönes Märchen aufgetischt. Das ist so typisch für meine Eltern, nach außen hin die heile Welt vorzuspielen. Hm, vielleicht nicht unbedingt typisch für beide. Meine Mutter verhält sich auf jeden Fall so. Für meinen Vater ist die Welt wahrscheinlich immer heile, der muss nichts vorspielen.

Meine Mutter kann nicht streiten und wird wahrscheinlich sogar vor meinem Vater ihre Tränen verbergen. Sie ist so harmoniebedürftig und erfüllt immer ihre Pflicht (die sie meint zu haben). Für meinen Vater ist alles in Ordnung, weil es so gemacht wird, wie er es will. Er merkt vielleicht gar nicht, dass etwas nicht stimmt, also muss er gar nicht drüber nachdenken.

Nach der Zeremonie haben die Gäste gratuliert, ich übrigens wieder nicht.

Meine Mutter freute sich über die Glückwünsche. Sie war sichtlich stolz und erwähnte immer wieder die 50 Jahre.

Nach der anschließenden Feier, bei der Verabschiedung der Gäste, sagte sie zu fast allen mit einem Strahlen „Wir sehen uns dann wieder in zehn Jahren zur Diamantenen.“.

Mir wurde schon fast schlecht, als ich das hörte. Sie will sich echt noch zehn weitere Jahre mit diesem Tyrann antun?! Sie lässt sich einfach darauf ein, weiter unglücklich zu sein! So wie sie jetzt stolz darauf ist, 50 Jahre durchgehalten zu haben, wird (oder sogar: will) sie das in zehn Jahren auch sein. Was für ein grausames Ziel!

Heute nach dem Frühstück gab es die nächste Eskalation. Ich weiß gar nicht mehr worum es genau ging, ich hatte auch nicht wirklich zugehört. Mein Vater hatte irgendwas gesagt und meine Mutter hatte vorsichtig etwas dagegen gesagt. Er ließ sich wie immer auf gar keine Diskussion ein, sondern verließ einfach den Raum um irgendetwas zu erledigen. So wie er die Tür zugemacht hatte, kam von meiner Mutter „Irgendwann bring ich ihn um! Man kann mit ihm über nichts diskutieren! Es muss immer alles nach ihm gehen!“

Auf die Alternative, ihn zu verlassen kommt sie irgendwie nicht. Ich hatte aber in letzter Zeit schon häufiger zu ihr gesagt „Den änderst du nicht (mehr)! Entweder du akzeptierst wie er ist, oder du gehst, aber jammer nicht.“ Sie tut weder das Eine noch das Andere.

Als ich etwa zwölf war, hat sie immerhin noch häufiger gegenüber meinem Vater den Mund aufgemacht. Da mein Vater aber auch da nicht diskutierte, endete der Monolog meiner Mutter oft mit dem Satz „Wenn du das nicht lässt, dann bring ich mich um.“ Ich war schockiert und hatte Angst, mein Vater sagte nie etwas dazu. Sie hat es aber wohl nie versucht, sich umzubringen.

Als meine Mutter 42 war, als es mal wieder echt heftig zu ging zwischen den Beiden, wollte ich sie zu mir nach Berlin holen. Aber auch das hat sie sich nicht getraut.

Ist meine Mutter jemand, der es mag, zu leiden? Ich weiß es nicht.

Was ich sehen kann, ist, dass aus einer sehr hübschen jungen Frau eine alte mit schmalen Lippen und verkniffenen Gesichtszügen geworden ist. Eine Frau, die nicht glücklich aussieht. Das ist so traurig!

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