Bücher

Ich habe meine Mom noch nie Lesen gesehen. Okay, so häufig sehen wir uns ja nicht. Aber sie hat noch nie erzählt, dass sie gerade gelesen hat, wenn ich sie anrufe und frage, ob ich störe. Und soweit ich weiß, hat sie keine Bücher.

Das finde ich schade und so hatte ich mir schon vor dem Urlaub überlegt, was für ein Buch meiner Mom Spaß machen und wie ich sie vielleicht zum Lesen bringen könnte. Kurzgeschichten wären sicher ein guter Einstieg und so packte ich Dora Helds „Jetzt mal unter uns …“ ein, das hatte ich letztens erst gekauft und selbst noch nicht gelesen. Ansonsten gab es in meinen Regalen nur Bücher mit erotischen Kurzgeschichten, das fand ich fürs Erste zu heftig.

Meine Mom hatte Strickzeug dabei, außerdem ein Heft mit Sudoku und … ein dickes Taschenbuch. Einen Thriller, irgendeine Frau wird als Sexsklavin gehalten, Morde geschehen. Ich bin irritiert, fast entsetzt. „So etwas liest du?“

„Das Buch haben mir Kegelfreunde zum Geburtstag geschenkt und ich dachte, das könne ich jetzt im Urlaub lesen.“

„Hast du den Klappentext gelesen?“

„Nein, dazu hatte ich noch keine Zeit!“

Hilfe! Meine Mom nimmt ein dickes Buch mit den Urlaub, was sie noch nicht einmal angeschaut hat. Ich las ihr den Klappentext vor und fragte „Meinst du, dass das etwas für dich ist? Du gehst doch schon in ein anderes Zimmer, wenn Papa nur TATORT guckt.“

Sie antwortete irgendwie naiv „Unsere Freunde dachten doch bestimmt, dass das ein gutes Buch ist, sonst hätten sie mir das nicht geschenkt.“

Ich schüttelte den Kopf „Vielleicht lesen sie selbst so etwas. Aber sie kennen dich nicht besonders gut, wenn sie dir so einen Thriller schenken. Wann hast du eigentlich das letzte Buch gelesen und was war das?“

Meine Mom guckte etwas traurig „Ich habe noch nie ein richtiges Buch gelesen. Früher hatte ich keine Zeit und die Bücher, die dein Vater liest, die mag ich nicht. Die sind langweilig oder interessieren mich nicht.“ Mein Vater liest Krimis, dazu Konsalik und sowas.

Ich lachte meine Mom an „Dann schauen wir mal, ich habe auch zwei Bücher dabei. Die sind bestimmt nicht langweilig.“

Am Stand beschäftigte sich meine Mom meist mit ihrem Sudoku. Sie schlief auch immer eine ganze Weile.

Ich hatte mir „Ein Sommer wie dieser“ von Annette Hohberg mitgenommen. Der Untertitel „Stell dir vor, du triffst nach Jahren die Liebe deines Lebens wieder“ hatte mich sofort angesprochen. Vielleicht ging es da um eine ähnliche Geschichte, wie sie Peter und ich erlebt haben. Das Buch stellte sich als toll geschrieben und richtig spannend raus. Es war schon fast schwer, es aus der Hand zu legen.

Zwischendurch las ich aber immer auch mal meiner Mom ein Kapitel aus dem Buch von Dora Held vor. Sie musste oft lachen und meist sprachen wir anschließend noch über die Themen, um die es ging.

Nach drei oder vier Tagen hatte ich „Ein Sommer wie dieser“ durch. Ich war total begeistert und schlug meiner Mom vor, ihr den Anfang vorzulesen. Vorlesen war für mich auch eine gute Übung, denn laut lesen war eine Hausaufgabe von meiner Logopädin.

Nach ein paar Seiten fragte ich meine Mom, ob ihr das Thema gefallen könnte. Sie antwortete noch recht zurückhaltend „Ja, das klingt interessant.“

Ich lese meist Bücher, die in Deutschland und der heutigen Zeit spielen, die von ganz normalen Menschen und ihrem Leben handeln. Bücher, bei denen ich mich in die Hauptperson hineinversetzen kann, da sie mir eben nicht fremd ist. Das erklärte ich meiner Mom und ergänzte „Vielleicht sind solche Bücher dann auch etwas für dich. Vielleicht hast du bislang einfach nur immer die falschen Bücher in die Hand genommen. Diesen Thriller, den du geschenkt bekommen hast, würde ich gar nicht erst anfangen wollen zu lesen, auch wenn kein anderes Buch da ist.“

Als wir nach dem Abendessen noch bei einem Ouzo auf dem Balkon saßen, griff meine Mom wieder zu ihrem Sudoko. „Wie wär‘s mal mit Lesen?“ schlug ich vor.

„Ach ja, das Buch. Gib es mir mal.“

Ich brachte ihr das Buch und sagte „Wir können gerne zwischendurch darüber reden.“

Dann übertrug ich die Fotos von den letzten Tagen von der Kamera auf mein Netbook. Etwa 300 Fotos, das würde eine Weile dauern, die zu sichten und die besten auszuwählen.

Unsere Getränke waren alle, mit den Fotos war ich schon ganz schön weit gekommen. Ich schaute zu meiner Mom rüber, sie war in das Buch vertieft. „Möchtest du noch einen Ouzo?“ musste ich zweimal fragen.

Meine Mom sah richtig fasziniert aus, so wie sie in dem Buch las. Als ich ihr den Ouzo brachte, schaute sie auf „Dass es solche Bücher gibt, habe ich nicht gewusst.“

Auch in den nächsten Tagen nahm sie den Roman in jeder freien Minute in die Hand. Zwischendurch fragte ich sie nach ihren Gedanken dazu. Fragte, ob sie vielleicht ähnlich gehandelt hätte, wie die weibliche Hauptperson. Auch mir machte es richtig Spaß, mit ihr über die Geschichte zu sprechen.

Nach einer Woche hatte meine Mom das Buch ausgelesen. Sie war begeistert und fand es schade, dass ich nicht noch einen ähnlichen Roman dabei hatte.

„Hey, du entwickelst dich doch nicht noch etwa zu einer Leseratte?“

„Das könnte passieren.“ gab sie grinsend zurück.

„Na, dann kann ich dir ja nach und nach meine ganzen Bücher leihen.“

„Ja gerne, solche Geschichten sind toll.“

In meine Bücher schreibe ich immer meinen Namen und wann ich sie gelesen habe. Diesmal habe ich auch noch dazu geschrieben „Ma – Juni 2015“.

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2 Gedanken zu „Bücher

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