Das habe ich nicht gewusst!

Abends auf dem Balkon unseres neuen Apartments: Wir genießen die Ruhe, blicken aufs Meer. Der Himmel ist dunkler und klarer, hier gibt es viel mehr Sterne als in Berlin.

Zum Glück ist das Studio, was ich für die 2. Woche in Kokkari gebucht hatte, eine Verbesserung. Die Lage ist ruhiger, der Ausblick schöner. Wir fühlen uns so richtig wohl, Entspannung pur.

Wir hatten lecker gegessen, Saganaki und gegrillten frischen Tunfisch, auch meine Ma hatte etwas Wein getrunken.

Es ist schön, den Abend auf dem Balkon ausklingen zu lassen. Als Absacker Ouzo aus dem Gefrierfach, das Glas und das Wasser ebenso, wir haben ja keine Eiswürfel.

Ich stoße mit ihr an „Jamás!“. Der Blick meiner Ma fällt auf die Narben auf meinen Fingern. „Was hast du da gemacht?“ fragt sie.

Okay, auf Anhieb ist es nicht zu erkennen, woher die Narben stammen. Meine Finger waren ja noch einiges gewachsen, seitdem ich neun Jahre alt war. Die Verletzungen waren unterhalb der mittleren Gelenke gewesen, die Narben sind nun oberhalb zu sehen, an allen Fingern beider Hände.

„Weißt du das nicht mehr?“ fragte ich zurück.

Mit neun Jahren hatte ich mit meinem Großvater und meinem kleinen Bruder einen Spaziergang gemacht. Mein Bruder war zwei, saß in der Karre, die ich schob. Die Straße war leicht abschüssig, rutschiger Split auf dem Asphalt und ich etwas ausgelassen. Ich fing an etwas schneller zu laufen und stolperte oder rutschte aus. Die Kinderkarre noch in meinen Händen stürzte ich.

Mein kleiner Bruder war zum Glück angeschnallt. Nicht wegen möglicher Unfälle, sondern damit er nicht versucht aus der Karre zu klettern. Er heulte mit mir um die Wette. Er vor Schreck, verletzt hatte er sich nicht, ich weil es echt wehtat.

Mein Großvater hob erst die Karre mit meinem Bruder und dann mich auf. Er versuchte meinen Bruder und auch mich zu beruhigen. Meine Strumpfhosen waren zerrissen, meine Knie bluteten etwas und meine Finger heftig. Das würde Ärger geben.

Wir waren nicht weit weg von zuhause und somit schnell da. Mein Großvater erklärte meiner Ma, was passiert war. Mein Bruder war schon wieder ganz vergnügt, ich hatte nur Angst.

Meine Ma nahm meinen Bruder aus der Karre und auf den Arm. Dann schimpfte sie mich aus, wie ich denn nur so verantwortungslos sein könnte. Ich hätte aufpassen müssen, es hätte so viel passieren können und die neue Strumpfhose hätte ich auch ruiniert. Sie schloss mit „Warte, bis dein Vater nachhause kommt und kümmerte sich dann um die Säuberung meiner Wunden. Mich zum Arzt zu bringen, darauf kam sie nicht. Die Finger hätten sicher genäht werden müssen.

Ich erkläre ihr also jetzt, woher die Narben waren und sie erinnert sich auch. Ich erinnere mich ebenso und besonders auch daran, als mein Vater dann abends zuhause war. Ich sage ihr „Statt mit mir ins Krankenhaus zu fahren, hab ich eine Tracht Prügel bekommen.“

Meine Ma guckt mich schon fast entsetzt an. „Das kann nicht sein, wir haben dich nie geschlagen!“

Ich bin irritiert, hat sie da eine falsche Erinnerung?

„Ich weiß noch genau, vor dem Schlafengehen holte Papa mich in die Scheune. Ich musste den blanken Po zeigen. Er löste seinen Ledergürtel und ich bekam mehrere Schläge. Dann schickte er mich ins Bett.“

„Du lügst, das kann gar nicht sein!“

„Doch, das war so, und nicht das einzige Mal. Du hast mich nie geschlagen, aber immer gesagt WARTE, BIS DEIN VATER NACHHAUSE KOMMT! Hast du gedacht, er schimpft mich dann nur? Das hat er auch direkt wenn er kam, gemacht. Doch später hat er mich dann noch einmal geholt. Auch als ich in die Jauchegrube auf dem Nachbargrundstück eingebrochen bin. Auch als ich mich mit dem Kettcar vom Nachbarsjungen überschlagen habe. Und das waren keine Einzelfälle. Als ich kleiner war hat er aber noch keinen Ledergürtel genommen.“

Noch während ich spreche, fängt meine Ma an zu weinen. „Bist du sicher, dass du dir das nicht einbildest.“ bringt sie gepresst hervor. Ich stehe auf, gehe zu ihr rüber, nehme sie in den Arm. Ihr Kopf liegt an meiner Schulter. „Nein.“ sage ich leise. „Leider nein. Wann Papa damit aufgehört hat, weiß ich nicht mehr so genau. Irgendwann war ich sicher zu alt, da konnte er mit Taschengeldentzug und besonders Hausarrest mehr erreichen.“

Sie weint, sagt „Aber für deinen Vater war sein Mädchen sein ein und alles.“

„Ja, vielleicht gerade deshalb. Ich war ja so ein richtiger Wildfang und er wollte sicher nicht, dass ich mich Gefahren aussetze. Vielleicht meinte er mit der Bestrafung auch erreichen zu können, dass ich mich wie ein braves kleines Mädchen verhalte. Ich bin aber trotzdem beim Bauern auf dem Strohboden rumklettert und habe die unterirdischen Bachläufe erkundet. Auch wenn ich noch so sehr versucht habe, meine Abenteuer zu vertuschen, oft kam es raus. Und dann gab es Ärger und Prügel.“

Ich halte meine Ma fest im Arm. Sie schluchzt „Das habe ich nicht gewusst!“

Ich drehe ihr Gesicht zu mir, schaue ihr in die Augen. „Das freut mich, dass du das nicht gewusst und ihr da nicht unterstützt hast.“

„Aber wieso habe ich das nicht bemerkt?“

„Es war immer vorm Schlafengehen, vielleicht hast du da gerade meinen kleinen Bruder ins Bett gebracht oder so.“

Meine Ma beruhigt sich. Ich setze mich ihr wieder gegenüber. Wir trinken unsere Ouzos aus. Ich rauche noch eine Zigarette.

Meine Ma schläft in der Nacht sehr unruhig, davon wache ich ein paarmal auf. Am Morgen sagt sie, sie hätte irgendwelches wildes Zeug geträumt.

Ich bin nicht sicher, ob ich das Thema noch einmal ansprechen soll. Es ist schon sehr schmerzvoll für meine Ma und ich will dass sie wieder lacht und den Urlaub genießt.

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