Mein heimlicher Jugendschwarm

Heute Mittag klingelte mein Telefon im Büro. Das klingelt üblicherweise häufiger, besonders wenn ich die Zentralnummer auf meinen Apparat gelegt habe. Ich meldete mich wie bei uns üblich mit unserem Firmennamen und meinem Vor- und Zunamen. Der Anrufer hatte anscheinend nicht richtig zugehört. Er sagte seinen Nachnamen und dass er Frau Lauenau sprechen möchte. Den Nachnamen kannte ich, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass Carlo mich da anruft.

Er war es tatsächlich! Mein alter Klassenkamerad, den ich nach dem Realschulabschluss nie wieder gesehen hatte. Ich war zwar auf dem zehn- und fünfundzwanzigjährigen Klassentreffen gewesen, doch Carlo hatte sich da nicht sehen lassen. Er wohnte zwar immer noch in der Gegend, im Gegensatz zu mir, die mit neunzehn nach Berlin gegangen war. Das wusste ich, da meine Freundin Manuela mit Ende zwanzig mal eine Weile mit ihm zusammengearbeitet hatte und auch heute noch ab und zu geschäftlich mit ihm zu tun hat.

Warum ruft der mich jetzt an? Nach 37 Jahren?

Carlo war mein heimlicher Schwarm gewesen. Er kam erst in der neunten zu uns, da er mit seinen Eltern in ein Dorf in der Gegend gezogen war. Carlo war ganz normal deutscher Abstammung. Was sich seine Eltern wohl bei der Namenswahl gedacht hatten? Er war echt der süßeste Junge der ganzen Klasse. Außer dass er dunkle Haare hatte, vielleicht 15 – 20 cm größer war als ich und – im Gegensatz zu mir damals – ein super Sportler war, kann ich mich an nichts erinnern. Klassenfotos gibt es auch keine mehr.

Mit fünfzehn/sechzehn war ich zwar nicht ganz schüchtern gewesen, aber ein Junge aus der Klasse! Nee, das hätte dann ja jeder mitgekriegt, der war tabu. Gekabbelt hatten Carlo und ich uns immer ein bisschen, das ging aber immer von ihm aus. Manuela meinte damals kichernd „was sich neckt, das liebt sich“. Ich war verknallt, aber ob er? Das war nicht rauszufinden, da wir uns nur in der Klasse sahen. Unser Dorf lag in einer anderen Richtung und in der Freizeit sahen wir uns somit nie zufällig. Und auf den Klassenfeten gingen wir uns eher aus dem Weg. Da tanzte ich den Blues lieber mit einem anderen Jungen, den ich nicht ganz so süß fand. Das war ungefährlich.

Ich war echt überrascht und musste natürlich gleich fragen, wieso er sich jetzt meldet. Er hatte vor ein paar Wochen wieder einmal geschäftlich mit Manuela zu tun gehabt und die habe ihm erzählt, dass ich nun in Berlin wohnen würde. Und da er ab und zu geschäftlich in Berlin zu tun hat, dachte er, er könne mich ja einmal treffen. Manuela hatte er aber anscheinend nicht nach meiner Telefonnummer gefragt. Er sagte er habe mal geschaut, ob ich auch auf xing bin und war auch fündig geworden. Doch darüber hätte er mich nur anmailen können, aber über unsere Firmenwebpage war ja einfach eine Telefonnummer herauszufinden.

Wir erzählten uns dann mal eben kurz unser halbes Leben, soweit das in zwanzig Minuten machbar war, ich hatte ja auch noch etwas anderes im Büro zu tun. Carlo ist im Vertrieb tätig, hatte zwischendurch mal eine Weile in Hamburg gelebt, war dann aber – als die Kinder kamen – zurück in sein Heimatdorf gegangen. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne, inzwischen 23 und 21 Jahre alt, beide sind schon wegen des Studiums ausgezogen.

Wir verabredeten, dass wir wieder telefonieren. Ich bot an, dass ich ihm meine private Nummer gebe und dass wir abends telefonieren könnten. Die Nummer nahm er, das abends Telefonieren lehnte er ab, da habe er selten Zeit.

Als Carlo aufgelegt hatte, hätte ich am liebsten eine Kreischer ausgestoßen und wäre ein wenig durch die Gegend gehüpft. Wie crazy ist das denn? Wir waren ja noch nicht einmal gute Freunde zu Schulzeiten! Aber anscheinend bin ich ihm ja auch sehr positiv in Erinnerung geblieben, dass er jetzt den Aufhänger nimmt, in Berlin zu tun zu haben, um mich einfach mal zu treffen.

Carlos Foto auf xing war ein typisches Business-Porträt, ich hätte ihn da nicht als meinen damaligen Schwarm erkannt. Ich bin gespannt, wie er in Natura aussieht und wie er mit fünfzig auf mich wirken wird.

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