Wer hat die schöneren Füße?

Jemand hatte zwei Stühle, Rückenlehne an Rückenlehne, aufgestellt. Astrid hatte es leider nicht bemerkt.

Sie tanzte gerade mit ihrem Schwiegervater. Es war der dritte Tanz. Wie allgemein üblich hatte das Brautpaar den Tanz eröffnet. Den zweiten Tanz tanzte Astrid mit ihrem Vater, während die Tanzfläche sich mit den anderen Hochzeitsgästen füllte. Der DJ hatte nach dem Hochzeitswalzer, auf den ihre Eltern bestanden hatten, auf irgendeine Musik, die nach James Last klang und zu der man Disko-Fox tanzen konnte, gewechselt.

James Last war Astrid nun nicht gerade geläufig. Doch als sie Teenie war, lief bei den Eltern wohl ab und an mal eine Show im Fernsehen, wo das Orchester dazu spielte. So ganz konnte sich Astrid aber nicht mehr daran erinnern. Gut erinnerte sie sich aber daran, dass Andreas und sie mit dem DJ eine andere Playlist abgesprochen hatten. Hatten sich da ihre Eltern eingemischt? Astrid würde nach diesem Tanz zum DJ gehen müssen, sofern Andreas das nicht schon tun würde.

Sie hatten sich beide so sehr darauf gefreut, endlich mal wieder eine Nacht ausgelassen zu tanzen, zu Musik, die genau ihnen gefiel. Mit Anfang vierzig waren die Möglichkeiten dafür auch in Hamburg beschränkt.

Der Tanz ging zu Ende, ihr Schwiegervater bedankte sich bei Astrid. Der DJ reduzierte die Lautstärke. Warum? Astrid schaute sich suchend nach Andreas um und wollte sich schon auf den Weg zum DJ machen, da kam ihre Cousine Angelika auf sie zu. „Liebchen, wir haben was mir euch vor!“

Astrid hatte noch nicht genug getrunken, um über die Anrede „Liebchen“ lachen zu können. Liebchen! Und das auch noch von ihrer Cousine! Warum hatte sie Angelika überhaupt eingeladen? Sie waren zwar gleichaltrig, doch hatten sie seit Kindertagen nicht wirklich viel mehr miteinander zu tun gehabt.

Andreas hatte darauf bestanden, dass sie ihre einzige Cousine, nebst Onkel und Tante einladen sollte. Er selbst hatte etliche Cousinen und Cousins eingeladen. Aber diese nahmen auch sonst Raum in seinem Leben ein, sie waren somit auch seine Freude. Irgendwie war ihm wohl nicht so klar, dass es bei Astrid anders war. Er wollte eben auch Verwandte dabei haben. Sie hatten ausgemacht, dass sie beide je 30 – 40 Gäste einladen würden. Und da blieb auf Astrids Liste dann eben auch Platz für ihre Cousine, wenn sie nicht ganz alte, fast vergessene Schulfreundinnen hätte einladen wollen.

Kurz darauf fanden sich Astrid und Andreas mit den Rücken zueinander auf den Stühlen wieder.

Astrid hätte sich gern mit Andreas verständigt, wäre am liebsten aufgestanden. Sie wollte tanzen und nicht dort sitzen. Die ganze Hochzeitsfeier zog sich eh schon wie Kaugummi. Die recht kurzen Reden ihres Vaters sowie auch Andreas‘ Vaters waren in Ordnung gewesen. Beide hatten beeindruckende Worte gefunden, wie sie Astrid und Andreas ihre Wünsche mit auf den Weg gaben. In der Zeit wurde auch bereits die Vorspeise serviert, so passte das.

Doch nach dem Hauptgang erbat sich Andreas‘ Patenonkel das Wort. Andreas, der seinen Onkel gut kennt, hätte das schon fast verwehren sollen. Doch so etwas tut man ja nicht, auch wenn es die eigene Hochzeit ist. Andreas‘ flachsiges „Onkel Otto, du weißt, in der Kürze liegt die Würze“ blieb – so schien es – wirkungslos. Astrid schaute, während Onkel Otto sprach, verstohlen auf ihre Uhr. 35 Minuten und dabei auch noch das Thema verfehlt. Mit dem Brautpaar hatte die Rede nichts zu tun gehabt. Im Wesentlichen erzählte er von seiner letzten Kenia-Safari, die er dann immerhin als Hochzeitsreise empfahl. Er schien nicht zu wissen, dass die beiden gleich am nächsten Tag in die Flitterwochen nach Namibia aufbrechen würden.

Das Bedienungspersonal und die Küche waren anscheinend mit so unvorhergesehenen Reden vertraut. Das Double Chocolate Brownie Dessert war so heiß wie es sein sollte und das Vanille-Eis dazu nicht geschmolzen.

Nach dem Dessert freute sich Astrid darauf, endlich mit Andreas den Tanz zu eröffnen. Doch sie wurden erst einmal davon abgehalten. Freunde und Studienkollegen von Andreas führten drei Episoden aus seinem Leben als Sketche auf. Die waren echt gelungen, das sah Astrid Andreas an. Ihr waren ein paar Sachen neu. Sie kannten sich jetzt zwei Jahre, doch in so einer Zeit kann man sich nicht alles aus seinem Leben erzählt haben.

Es war bereits nach 22 Uhr, als das Brautpaar nun endlich den Tanz eröffnen konnte. Astrid wusste nicht, ob sie dazu lächeln sollte, dass die Tanzerei, die eigentlich noch gar nicht richtig angefangen hatte, nun nach drei Tänzen bereits unterbrochen wurde.

Astrid ärgerte sich, dass sie nicht das Angebot ihrer besten Freundin angenommen hatte. Anja hatte, als die Hochzeitsfeier in die erste Planungsphase ging, vorgeschlagen, den Wedding Planner zu mimen. Astrid hatte damals gelacht, da gäbe es nichts zu planen oder zu koordinieren. Sie würden essen und dann tanzen, der DJ würde nach der detailliert ausgearbeiteten Playlist auflegen. Alle wüssten eh, dass sie beide keine Spielchen mögen würden. Nun wünschte Astrid sich, dass sie Anja doch mit der Koordination beauftragt hätte.

Anja hätte das schon hingekriegt, dass jede Rede mit ihr abgesprochen werden musste. Weiter den DJ ermahnt, sich an die Playlist zu halten und auch diese Unterbrechung jetzt nicht akzeptiert.  Doch nun war Anja beschäftigt. Anja war gerade wieder mal Single, wie auch Andreas‘ Trauzeuge Bernd. Astrid hatte schon bei der Vorspeise den Eindruck gehabt, dass sich ein Flirt zwischen den beiden anbahnte.

Aufstehen oder hier sitzen bleiben? Astrid war hin- und hergerissen, hätte sich gern mit Andreas verständigt, zumindest mit Blicken. Doch sie saßen leider Rücken an Rücken.

Angelika gab ihr – und wohl auch Andreas – einen Tischtennisschläger. Die eine Seite war beklebt mit „ER“ und die andere mit „ICH“. Astrid vermutete auf dem zweiten Tischtennisschläger „SIE“ und „ICH“. Angelika sprach „Dann wollen wir alle mal wissen, wie gut ihr euch kennt, um zu sehen, ob ihr wirkliche bereit für die Ehe seid.“

„Bla“ dachte Astrid, das war O-Ton Angelika. So wie ihn Astrid sich vorstellt, so gut kennt sie Angelika ja nicht. Bereit für die Ehe? Ob Angelika das wirklich war, als sie mit 18 ihren ersten Freund geheiratet hatte, überlegte Astrid kurz.

„Wer kann besser einparken?“ war die erste Frage. Was sollte das hier werden? Eine Befragung nach dem Motto „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“? Die nächste Frage passte auch in diese Kategorie: „Wer führt längere Telefonate?“ Na, das war ja gut, dass sie beide keine Fernbeziehung führten, dann wäre eine konforme Antwort schwieriger gewesen.

Nun wurde es anscheinend etwas intimer. Astrid überlegte immer noch, ob sie nicht einfach aufstehen sollte, statt den Tischtennisschläger mit der Antwort nach vorne zu Angelika und den Gästen zu halten. Andererseits war das aber vielleicht doch eher Andreas‘ Sache und es würde nicht gut für ihn aussehen, wenn sie die Initiative ergriff, diese idiotische Befragung abzubrechen.

Auch bei „Wer verbringt längere Zeit im Bad?“ waren ihre Antworten übereinstimmend. Astrid brauchte längere Zeit, obwohl sie sich manchmal wünschte, Andreas würde das Bad mehr beanspruchen. Manchmal bemerkte sie abends, wenn sie heim kam, dass er am Morgen wieder vergessen hatte, das Deo zu benutzen. Ab und zu bekam sie im Bett an ihren Beinen kleine Schrammen von seinen zu langen Zehennägeln.

Und da kam auch schon die passende Frage zum Thema „Wer hat die schöneren Füße?“ Astrid überlegte, ihre Füße mochte sie nicht. Die großen Zehen waren ein wenig zur Mitte hin gebogen. Das war sicherlich den zu schmalen und zu spitzen Schuhen während der Teenie-Zeit geschuldet. High Heels trug sie schon lange nicht mehr, war schon ewig der Sneaker-Typ und das tat ihren Füßen auch gut. Aber die großen Zehen blieben wie sie waren. Ihre Hochzeitsschuhe waren nicht sehr hohe Kitten-Heels und die hatte sie einige Wochen zuhause eingelaufen, damit sie diesen Tag überleben würde. Durch einem zu engen Skistiefel hatte sie sich das Nagelbett von einem Zeh verletzt. Der Nagel sah nun nicht mehr so gut aus, doch das war mit Nagellack immer gut zu kaschieren. Dass ihre Füße zu Verhornung neigten, nervte Astrid ziemlich, aber sie hatte sich daran gewöhnt, sich wöchentlich einer umfangreichen Pediküre zu unterziehen.

Schöne Füße waren Astrid sehr wichtig. Ihre mochte sie also nicht so gerne. Andreas hatte schmale Füße mit gleichmäßig geformten schlanken Zehen, die gefielen ihr eigentlich echt gut. Wenn da nicht der Nagelpilz wäre. Schon als sie das erste Mal zusammen ins Bett gegangen sind, waren Astrid, als Andreas dann duschen ging, seine gelben, teils aufgequollenen Zehennägel aufgefallen. Ein wenig eklig fand sie das schon. Doch frisch verliebt, proppevoll mit Endorphinen vergaß sie das im selben Moment wieder, als Andreas zurückkam und sie in den Arm nahm.

Doch jedes Mal, wenn sie ihn wiedertraf und seine nackten Füße sah, ekelte es sie.  Nach ein paar Wochen war sie mutig genug, das Thema anzusprechen. Das Badezimmer war ein passender Ort dafür. Vorher hatte sie bereits Google bemüht, hinsichtlich Behandlungsmöglichkeiten. Sie fragte ihn „Was tust du gegen deinen Nagelpilz?“ Er guckte verständnislos „Gegen was?“ Astrid erläuterte ihm, dass seine Zehennägel von Nagelpilz befallen und dadurch so gelb und dick seien. Andreas lacht sie fast aus „Bist du sicher? Das sind doch ganz normale Alterserscheinungen, das haben doch viele.“ Astrid war entsetzt, er nahm das einfach als gegeben hin, dachte sich nichts dabei. Astrid antwortete „Dann achte mal im Fitnessstudio auf die Zehennägel der anderen Männer. Dann siehst du, dass das nicht normal ist. Und geh mal bitte zum Arzt.“

An den Arztbesuch musste sie ihn regelmäßig einige Wochen lang erinnern. Da nichts passierte, machte sie schließlich einen Termin für ihn, den er auch wahrnahm. Den verschriebenen medizinischen Nagellack benutzte er aber anscheinend nicht regelmäßig. Astrid wunderte sich, wie voll das Fläschchen immer noch war, wenn sie wieder mal bei ihm übernachtete. An seinen Zehennägeln änderte sich nichts.

Was sind denn das jetzt für Gedanken auf ihrer Hochzeitsfeier? Es sollte doch ein wundervoller Tag werden.

Astrid ekelte sich immer noch vor Andreas Zehennägeln. Doch war das ein Trennungsgrund? Andreas war ansonsten so ein wundervoller Mann, deshalb hat sie ihn ja auch heute geheiratet.

Astrid schaute zu ihren Hochzeitsgästen, sie sah ein paar amüsierte aber auch etliche gelangweilte Gesichter. Endlich entdeckte sie Anja. Sie schickte ihr einen verzweifelten Blick rüber. Anja reagierte sofort, machte mit ihren Händen ein Cut-Zeichen, Astrid nickte nur.

Dann setzte die Musik wieder ein und Anja tauchte neben Angelika auf. Lächeln nahm sie Angelika das Mikrofon aus der Hand und sich den Gästen zu. Sie sagte „Wir alle wissen, dass Astrid und Andreas sich lieben und ein wundervolles Paar sind. Sie haben heute geheiratet und das ist richtig so. Wir wollen uns jetzt nicht mit unsinnigen Tests beschäftigen, sondern endlich feiern und tanzen. So hat sich das unser Brautpaar auch vorgestellt.“

Applaus brandete auf. Der DJ schob den Regler auf Tanzlautstärke. Astrid war erleichtert, ihr kamen fast die Tränen. Da stand Andreas auch schon vor ihr, nahm ihre Hand und fing an, mit ihr zu tanzen. Diesmal auch nicht zu James Last, sondern zu einem Lied von ihrer Playlist. „Crystal Cowboy“ von den Bandits, was sie ursprünglich als Eröffnungstanz gedacht hatten. Die beiden hatten schon vor der Hochzeit oft dazu zuhause in der Küche getanzt. Das war ein Lied, was genau zu ihnen passte.

Auch Anja war mit Bernd sofort neben ihnen. Astrid musste sie einfach mal kurz umarmen. „Du warst unsere Rettung“ sagte Andreas, seine Augen leuchteten glücklich.

Die Tanzfläche füllte sich schnell mit den anderen Gästen, auch wenn viele das Stück sicherlich nicht kannten und bestimmt etwas gewöhnungsbedürftig fanden. Nur Angelika stand noch etwas verdattert am Rand vor ihren zwei Stühlen.

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