Das Wiedersehen

„Schläfst du nur bei ihm oder auch mit ihm?“, Franka konnte Petras Grinsen schon fast durch den Telefonhörer spüren.

Sie hatte sich die Frage auch schon gestellt und musste ebenso grinsen: „Die Antwort lass ich mal offen, wir werden sehen. Geflirtet haben wir aber nicht bei unseren Telefonaten.“

Petra kennt Jörg nur von ein paar Begegnungen und das ist auch schon etwa zehn Jahre her, sie fand immer, dass sie ein smartes Paar waren. Jörg und Franka waren damals fünf Jahre zusammen, es war eine heftige Beziehung. So viel Streit und so viel richtig guten Sex hatte Franka mit keinem anderen Partner erlebt.

Sie sagt auch heute noch, dass Jörg der beste Lover war, den sie jemals hatte. Der Mann fürs Leben war er aber letztendlich doch nicht, Sex ist eben nicht alles. Aber wegen der heftigen körperlichen Anziehung brauchten sie dann auch fünf Anläufe innerhalb eines Jahres, um sich endgültig zu trennen. Geholfen hat dabei dann auch, dass Jörg eine Versetzung nach Köln angeboten bekommen und angenommen hatte.

Vor einem guten Jahr hatte sich Jörg auch auf facebook angemeldet und seitdem hatten sie wieder häufiger Kontakt. Als Franka im Sommer ein Projekt in Köln hatte, wollten sie sich auch mal zum Essen treffen. Sie fanden allerdings keinen Termin, da Franka oft noch abends Meetings und Jörg ein straffes Sportprogramm hatte.

Franka hatte nun geplant, ihre Freundin Jeannine in Bonn zum Geburtstag zu überraschen. Dabei kam sie auf den Gedanken, in Köln bei Jörg vorbei zu schauen. Jörg schien begeistert von der Idee und so planten sie, dass er sie direkt vom Flughafen abholen und am Tag darauf nach Bonn bringen würde.

Franka war gespannt auf ihren 1. Eindruck, immerhin hatten sie sich etwa fünf Jahre nicht gesehen. Und das letzte Treffen war auch eher flüchtig gewesen, auf einer Geburtstagsfeier von gemeinsamen Freunden, als Jörg mal wieder in Berlin war. Jörg hatte zwar ein, zwei aktuellere Fotos auf facebook eingestellt, aber das waren Schnappschüsse, die ihn nicht wirklich vorteilhaft zeigten.

Sie erkannte Jörg auf Anhieb, als sie von der Gepäckausgabe kam. Mit Ende 30, Anfang 40 verändert man sich eben nicht mehr so sehr. Aber man kann sich trotzdem noch genug verändern. Jörg war dünner geworden, hm, nein, das traf es nicht so ganz. Sein Körper schien immer noch muskulös und durchtrainiert, das war trotz dicker Jacke zu erahnen. Aber sein Gesicht war deutlich schmaler geworden, er hatte leichte Schatten um die Augen. Schade, er sah nicht so aus, wie der Mann, den sie einmal geliebt hatte. Außerdem war ihm anzumerken, dass er gerade geraucht und ein Bier getrunken hatte. Das fand Franka auch nicht so sexy.

Sie fuhren kurz zu ihm, um ihr Gepäck abzustellen. In seiner Wohnung erkannte Franka einiges wieder, vor allem das was noch von ihr geplant und gestaltet worden war. Sie hatte ihm damals beim Umzug geholfen und auch seine Küche geplant. Und sie war ja auch ein paar Mal bei ihm gewesen, in ihrem „Trennungsjahr“. Er hatte nicht viel verändert, lediglich inzwischen eine größere Couch und deutlich mehr Unordnung. Er war damals schon nicht der Typ, der seine Umgebung organisiert und gerne aufräumt. Jörg sagte entschuldigend, er hätte versucht aufzuräumen, hatte es dann aber doch nicht für so unbedingt notwendig gefunden, da sie ja nur eine Nacht bleiben würde. Immerhin waren Küche, Bad und Schlafzimmer in einem – für sie – gerade noch akzeptablen Zustand.

Franka hatte schon vorher angekündigt, dass sie gerne zum Italiener essen gehen würde. Da es so kalt war, hatten sie aber keine Lust auf einen langen Fußweg und sind nicht zu dem gegangen, wo sie in damals oft waren. Jörg hatte einen neuen aufgetan, bei dem war es warm und gemütlich und die Pizza schmeckte fast genauso lecker. Sie verbrachten einen schönen Abend, hatten viel zu erzählen und tranken mehr Wein, als Franka sich vorgestellt hatte.

Inzwischen war es noch kälter geworden, also hieß es zügig nachhause laufen und nicht gemütlich bummeln. Jörgs Wohnung hatte genau die Temperatur, wie Franka sie mochte. „Das Thermostat für die Gasetagenheizung ist immer noch genau so eingestellt, wie du es damals programmiert hast. Ich denke, inzwischen würde ich es auch hinbekommen, es zu programmieren, aber ich bin noch nicht dazu gekommen.“ Franka musste lachen, das war so typisch Jörg. Er hatte sich noch nie etwas daraus gemacht, dass sie sich mit technischen Dingen besser auskannte als er. Er war in dieser Sache sogar stolz auf seine Freundin gewesen und hatte das auch vor seinen Kumpels vertreten.

Sie machten es sich mit noch einem Rotwein auf seiner Couch gemütlich. Jörg hatte chillige Musik aufgelegt und die und der Wein verfehlten bei Franka dann irgendwann die Wirkung nicht. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Nicht weil sie schmusen wollte, sondern einfach weil sie müde war. Jörg interpretierte das auch richtig „Ich denke, du musst langsam ins Bett. Ich habe dir das Bett frisch bezogen. Ich weiß, dass ich mit dir auch als Kumpel das Bett teilen kann, aber ich bin noch nicht müde und so schlafe ich dann einfach besser auf der Couch. Dann kannst du dich auch morgen früh in Ruhe fertig machen, ohne mich zu stören. Du stehst ja sicher immer noch früher auf als ich“.

Oh, das war eine lange Ansage, hatte er sich die im Vorfeld schon überlegt? Franka konnte sich schon vorstellen, dass auch er sich Gedanken darüber gemacht hatte, wie ihr Wiedersehen sein würde. Möglicherweise war auch er zu dem Ergebnis gekommen „alles kann, nichts muss“ und hatte jetzt – wie Franka auch – festgestellt, dass da keine erotische Anziehung mehr war. Sie verstanden sich gut und langweilten sich nicht miteinander, aber das war es dann auch.

Am nächsten Morgen schlief Franka aus und konnte sich trotzdem so richtig Zeit im Bad lassen. Meist ging es im Bad ja eher hektisch zu, wenn sie irgendwo zu Besuch war, aber Jörg schlief ja wie üblich noch länger als sie. Als sie dann frisch geduscht, geschminkt und angezogen war, war er gerade wach geworden. Er brauchte natürlich nicht so lange Zeit im Bad und machte dann Frühstück. Wie in alten Zeiten gab es ihre Lieblings-Aufbackbrötchen, frisch gepressten Orangensaft, französische Salami, Schweizer Emmentaler, Cocktail-Tomaten und natürlich Lätta.

Franka freute sich, auch wenn sie inzwischen statt Lätta lieber Butter aß.

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