Reha – 1. Kapitel – Der Unfall

Der junge Mann eben hat Lillian netterweise geholfen, als sie mit ihren zwei Eastpak-Trolleys am Bahnsteig stand.

Was für eine Bezeichnung schwebt ihr denn da gerade im Kopf rum? „Junger Mann“ ist ein Begriff, den Lillian üblicherweise nicht verwendet. Aber hier passt es gut, er ist sicherlich 30 Jahre jünger als sie.

Die letzten zwei Abende hatte Lillian gepackt, nachdem sie das Wochenende bei ihrem Mann auf dem Land verbracht hatte. Erst das ganze Sport- und Schwimmzeugs, dann die sonstige Bekleidung. Letztere wollte schon sorgfältig gewählt werden. Sie konnte ja auch nicht ohne Ende Schuhe mitnehmen. Alles musste zueinander passen. Je ein Paar Sneaker, Pumps, Sandalen, Ballerinas und FlipFlops mussten reichen. Lillian hatte das Wetter gecheckt, es würde leider erstmal nicht so sommerlich bleiben. Doch das konnte sich ja auch wieder ändern, in drei Wochen, oder sogar mehr. Jeans sind am besten kombinierbar, also ließ Lillian ihre schönen farbenfrohen Hosen daheim. Dazu dann ein paar Kofferkleider, Desigual-Röcke und auch ganz sommerliche Spaghetti-Fähnchen. Lillian liebt den Sommer und denkt eben auch positiv, also rechnet sie dann wieder mit heißem Wetter.

Auch wenn es heute heiß werden wird, für die Reise waren Jeans, Vans und ein ärmelloses Shirt die bessere Wahl. Denn Lillian hatte sich bereits am Sonntag einen Schnupfen zugezogen und außerdem sind Züge ja auch immer gut klimatisiert.

Das mit dem Schnupfen ist wieder typisch! Die letzten beiden Wochen hatten sie voll gefordert, im Büro und auch sonst. Ganz klar, wenn sie nun mindestens drei Wochen nicht da ist. Und jetzt, wo sie entspannen kann, kommt natürlich ein Schnupfen. Das passiert Lillian nicht zum ersten Mal, sie hatte schon häufiger einen Urlaubsanfang mit einer Erkältung verbracht. Auch wenn es diesmal kein Urlaub sondern eine Reha ist.

Ihr Workout hatte sie heute Morgen ausfallen lassen, wegen des Schnupfens, wegen der Buckelei mit dem Gepäck die Treppe runter und auch weil ihre Schulter passenderweise heute etwas mehr schmerzt. Die Physiotherapeutin hatte sie gestern etwas mehr als sonst gequält. Na, da hat sie ja später dem Arzt wenigstens was zu erzählen.

Sechs Monate ist der Unfall jetzt her und ihr rechter Arm immer noch nicht voll belastbar, außerdem schmerzt er ständig. Sie war damals seit langem mal wieder im Bikepark gewesen. Es war das erste Mal, dass Peter dabei war. Freunde von ihr hatten ihm Downhill-Bike, Fullfacehelm und Schutzausrüstung geliehen.

Noch im Sessellift maulte er, dass das alles gar nicht notwendig sei. Er hätte auch sein (recht einfaches) CrossCountry-Bike nehmen können und all die Schutzausrüstung würde er auch nicht benötigen, er würde ja vorsichtig fahren. Doch nach der ersten Abfahrt sah er die Sache anders. Er hatte den Unterschied zu seinem Bike gemerkt und festgestellt, dass auf diese Art bergab zu fahren doch etwas anderes ist. Angst hatte er keine, das Adrenalin kickte. Und das typische glückliche Smile im Gesicht hatte er auch. Peter sagte „Wenn ich gewusst hätte, wie geil du Fahrrad fährst, dann wäre ich schon längst mal mitgekommen.“

Lillian hatte schon häufiger vom Downhill-Biken erzählt und auch Fotos gezeigt, doch anscheinend hatte Peter da nicht so richtig zugehört. Außerdem weigerte er sich beharrlich, Schutzausrüstung anzuziehen und ohne die fand sie es viel zu gefährlich. Sie wollte sich nicht später die Schuld daran geben, wenn ihm etwas passieren würde. Abgesehen davon, darf man in den Bikeparks auch nicht ohne Safetys fahren. Diesmal war aber ein befreundetes Paar dabei, was Peter auch schon vom Bouldern kannte, und so wurde er überredet und mit entsprechendem Bike etc. versorgt.

Lillian hatte sich schon ein wenig Sorgen gemacht, dass Peter sich überschätzen würde, doch das stellte sich als unbegründet raus. Auch wenn er eigentlich keine Mountainbike-Erfahrung hatte, kam er prima klar. Na, er war ja auch früher Motocross gefahren.

Bei der vierten Abfahrt ist es dann passiert. Lillian war bei einem Sprung in der Landung auf einer Längswurzel weggerutscht und heftig auf der Seite aufgeschlagen. Eigentlich war der Sprung überhaupt kein Risiko gewesen, sie war bereits dreimal einfach nur so da lang geflogen, aber irgendwie war sie wohl etwas unkonzentriert gewesen. Hüfte und Rippen sowie der komplette rechte Arm waren heftig geprellt.

Peter war sofort total besorgt, kümmerte sich rührend um sie. An Weiterfahren war nicht zu denken. Er schob die beiden Bikes das letzte Stück des Trails runter. Die Rippen schmerzten heftig und den Arm konnte Lillian nicht mehr anheben. Also brachte Peter sie ins nächste Krankenhaus. Die Röntgenaufnahmen schlossen immerhin einen Bruch aus, Prellungen tun ja auch deutlich mehr weh. Lillian war trotz ihrer Verletzungen immer noch recht gut drauf. Aber es ärgerte sie, dass sie gerade auch Peter seinen ersten Bikepark-Ausflug verdorben hatte, das sagte sie ihm auch. Er guckte sie liebevoll an, grinste und meinte „Du hättest mir nicht unbedingt zeigen müssen, wie wichtig ein Safety-Jacket und Fullface-Helm ist. Das hatte ich heute auch schon so eingesehen.“ Lillian musste lachen, was ihr mit den geprellten Rippen gar nicht guttat.

Nach vierwöchiger Odyssee zwischen Hausarzt, Orthopäde und verschiedenen MRT-Zentren, diagnostizierte man dann ein teils abgerissenes Labrum und eine angerissene Rotatorenmanschette, neben einer verstauchten Hand. Lillian hatte sich wohl kurzzeitig den Arm ausgekugelt, auch wenn sie das nicht wusste. Die Rippen- und Hüftprellungen waren inzwischen nicht mehr zu merken, auch wenn gerade erstere anfangs besonders heftig wehgetan hatten. Lillian konnte inzwischen den Arm wieder etwas besser bewegen und ging auch wieder arbeiten, wenn auch alles etwa länger dauerte. Sie bekam auch die erste Krankengymnastik.

Weitere sechs Wochen später erlaubte der Orthopäde auch wieder Sport, auch bis in den Schmerz hinein. Lillian war schon richtig genervt gewesen, machte daheim ihr Tracy Anderson Workout für Bauch, Beine und Po so gut es eben ohne Belastung des Armes ging. BodyCombat ging leider nicht ganz ohne Einschränkung, aber immerhin. Und nach drei Monaten traute sie sich auch wieder zu, den Lenker ihres Citybikes zu halten. Es war schon nervig, alle Wege zu Fuß gehen oder Bus und Bahn zu nehmen. Das erforderte immer deutlich mehr Zeit als sonst.

Da nach vier Monaten der Arm aber immer noch schmerzte und nicht komplett belastbar war, beantragte Lillian dann eine Reha. Zu der ist sie nun mit der Bahn unterwegs.

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