Reha – 2. Kapitel – Diese blauen Augen

(Fortsetzung vom 10. Mai 2016)

Diese blauen Augen! So auffällig zu den weißen Haaren und dem weißen T-Shirt (mit schrillem Print)! Diese blauen Augen gehen Lillian nicht aus dem Kopf. Am Ankunftstag in der Reha-Klinik kam er ihnen bei der Hausführung entgegen.

Lillian hatte erst einmal gar nichts wahrgenommen, außer diesen blauen Augen, erst dann erweiterte sich ihr Sichtfeld und sie erkannte den Rollator vor ihm. Er war keinesfalls in dem Alter für einen Rollator, sie schätzte ihn auf Anfang fünfzig. Sein einer Unterschenkel befand sich in einer Schiene, vielleicht war das der Grund für den Rollator.

Dann waren sie auch schon an ihm vorbei.

Der Anreisetag war vollgestopft mit Informationen, dazu kam der erste Arzttermin. Eine Dreiviertelstunde wurde Lillian befragt und ihre Beweglichkeit sowie ihr Schmerzempfinden gecheckt. Es tat gut, dass sich mal ein Arzt so richtig Zeit nahm.

Das Haus oder besser der Gebäudekomplex ist riesig, wohl für 500 Patienten, dann die ganzen Therapie-Einrichtungen, Speisesäle etc. Anfangs war es nicht so einfach, sich zurechtzufinden. Immerhin bekam sie einen Plan und nach einigen Stunden kannte Lillian doch schon die direkten Wege.

Zum Mittag- und Abendessen saß Lillian allein an einem Vierertisch, die andere Patientin hatte schon gegessen oder war nicht erschienen und die anderen Plätze waren nicht belegt. Etwas traurig sah sie zu den anderen Tischen hinüber, die mit Frauen oder Männern voll besetzt waren und an denen lebhafte Unterhaltungen stattfanden.

Auch sonst fühlte sie sich etwas einsam, so viele Menschen da, aber irgendwie niemand, den sie einfach ansprechen mochte. Der Masse der Patienten war sicher um die fünfzig, wobei es aber auch einige ältere und wenige jüngere gab. Viele waren schon deutlich übergewichtig, auf die hatte Lillian eh keine Lust. Besonders auch, weil sie so gediegen wirkten.

Lillian lief aufmerksam durchs Haus, beobachtete die Menschen, doch es gab niemanden, der ihr positiv auffiel. Das konnte doch irgendwie nicht sein. Auch in einer orthopädischen Reha-Klinik sollte es den üblichen Bevölkerungsmix geben. Am Zumba-Kurs konnte Lillian wegen anderen Terminen nicht teilnehmen, aber danach traf sie ein paar der Frauen im Treppenhaus. Diese eher sportlichen Frauen waren schon eher ihre Wellenlänge und so fragte sie eine nach ihrer Kurserfahrung. Daraus ergab sich dann immerhin ein kleines Gespräch.

Abendessen gab es bereits um 18 Uhr, sehr früh für Lillian. Da das Mittagessen aber nicht besonders üppig gewesen war, hatte sie doch schon Hunger. Sie war angenehm überrascht, es gab nicht nur Brot und Belag, sondern auch noch verschiede Salate. Das passte zu ihrer Low Carb-Ernährung.

Den Abend verbringt Lillian dann in ihrem Zimmer. Sie nutzt ihn zum Schreiben, E-Mails-Checken etc. Geschäftlich ist immerhin nur eine E-Mail einfach weiterzuleiten, zu viel Geschäftliches will sie in der Reha nicht machen.

Gegen zehn ruft sie Peter an, er meldet sich mit „Ach, du bist es schon. Ich hatte auch schon daran gedacht, dich anzurufen, aber ich dachte, du bist sicher noch unterwegs.“

„Wo soll ich denn sein?“

„Na, es gibt doch bestimmt ein paar Kneipen dort, wo alle hingehen.“ ist eine fast schon typische Aussage für ihn.

So langsam müsste er eigentlich wissen, dass sie nicht so die Party-Maus ist, denkt Lillian und seufzt, sie antwortet „Babe, warum sollte ich hier ausgehen, wenn ich das in Berlin auch kaum und alleine sowieso nicht mache?“

„Na, ich dachte halt.“ Diese Gedankengänge kann Lillian nicht verstehen. Aber immerhin fragt Peter nach der Klinik, den Leuten etc. Er hat deutlich mehr Interesse an dem, was sie erlebt hat, als sonst.

Letztes Wochenende hatte er noch Sprüche gemacht, wie „Nimm bitte kein rotes Kleid mit und das kurze schon gar nicht, sonst stehen die Kurschatten Schlange bei dir.“

Lillian hatte Peter daraufhin gefragt „Machst du dir ernsthaft Sorgen.“

„Nein eigentlich nicht.“

Sie schaute ihm fest in die Augen „Eigentlich ist aber schon eine Einschränkung.“

Er antwortete „Nein, ich mach mir keine Sorgen.“

Lillian bestätigte Peter noch einmal, was für ein wundervoller Liebhaber er sei, knutschte heftig mit ihm. Peter ließ sich mitreißen, so dass sie noch kurz vor Lillian Abreise einen kleinen Quickie hatten … im Sonnenschein auf der Terrasse. Wenn Lillian jetzt daran denkt, wird ihr schon wieder heiß. Sie liebt Sex mit der Sonne auf der Haut, Sex mit ihm.

Doch als sie im Bett liegt, muss Lillian wieder an den Kerl mit den unglaublich blauen Augen denken. Sie hat ihn den ganzen Tag nicht mehr gesehen.

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