Urlaub allein!

16 Uhr, Lillian sitzt in der Sonne vor der Cerveceria EL ALTILLO. Zum Vino bianco hat sie noch ein Schälchen mit Erdnüssen bekommen, den Erdnüssen versucht sie zu widerstehen. Wie herrlich, einfach entspannt die Sonne genießen, sich nicht mit jemanden abstimmen zu müssen. Sie kann einfach tun, wonach ihr gerade ist.

Eigentlich war sie auf der Suche nach dem Tapas-Restaurant gewesen, was der Michael Müller Reiseführer empfohlen hat. Nicht weil sie da jetzt essen wollte. Sie wollte einfach mal schauen, wie es so aussieht und dann entscheiden, ob es sich lohnt, noch einmal abends hinzugehen. Peter mag solche – wie er meint – unnützen Wege nicht.

Die Tische vor dem EL ALTILLO auf dem Plazoleta de Farnay lagen so schön in der Sonne und da Lillian heut schon reichlich gelaufen war, war es Zeit für eine Pause.

Gestern war sie vor fünf Uhr aufgestanden, da ihr Flieger nach Gran Canaria so früh ging. Es war mal was anderes, keinen Mietwagen zu nehmen, sondern mit dem Bus zu fahren. Peter hätte sich nicht darauf eingelassen. In Las Palmas braucht sie kein Auto.

Als Lillian am westlichen Ende vom Playa de Las Caletas angekommen war, war sie begeistert. Ihre Airbnb-Unterkunft liegt direkt am Meer und auch noch dort, wo die ganzen Surfschulen sind und kein Touristenhotel zu sehen ist. Die Wohnung liegt im 3. OG, das Wohnzimmer hat Meerblick.

Die Vermieterin ist 20 Jahre jünger als Lillian, spricht einigermaßen Englisch und macht einen sehr netten Eindruck. Lillian hatte ihr Fritz-Kola, Mini-Contessa, Mini-Colorado und einen kleinen After Eight-Nikolaus mitgebracht. Carla hatte sich gefreut sie gleich auf ein Tropical zum Anstoßen eingeladen. Sie saßen bestimmt ne Stunde zusammen, quatschten auf Englisch über ihre Jobs, Airbnb-Erfahrungen etc. Lillian bekam auch gleich ein paar Tipps zum Einkaufen und Essengehen. Das war richtig guter Einstieg in den Urlaub.

Nachdem Lillian am Nachmittag die Umgebung erkundet und die ersten Fotos gemacht hatte, ging sie Lebensmittel und spontan rote Dessous Shoppen, da INTIMISSIMI direkt neben dem CARREFOUR lag. Endlich mal wieder neue rote Dessous! Damit wird sie Peter überraschen.

Carla hatte ihr ein gutes und preisgünstiges canarisches Restaurant empfohlen, in das ging sie abends frittierte Arme vom Chipirón essen. Auch die halbe Portion war zusammen mit einer halben Portion gemischtem Salat recht viel. Da wäre sie froh gewesen, wenn sie sich das Essen mit jemanden hätte teilen können.

Peter hatte sie auch noch über whatsapp angerufen, um 22 Uhr fiel sie dann recht untypisch früh ins Bett.

Nach neun Stunden Schlaf, sie hatte ja welchen nachzuholen, machte Lillian sich ihr übliches Joghurt/Obst/Nuss-Frühstück, natürlich mit canarischer Banane und Orange. Sie ließ sich Zeit, bearbeitete – soweit notwendig – ihre Fotos auf dem Notebook und lud die ersten auf Facebook hoch.

Auch im Urlaub darf Sport bei Lillian nicht fehlen. Joggen geht leider nicht, da ihr Hipbag bei Peter in Lauenburg liegt. Das braucht sie dort üblicherweise fürs Nordic Walking. Also nahm Lillian ihre kleinste Umhängetasche mit und machte eine straffe Walking-Tour von fast zwei Stunden. Am Strand war das leider nicht komplett möglich, da bei Flut an einigen Stellen gar kein Strand mehr zu sehen ist. So musste sie zum Teil auf die Promenade ausweichen. „Schön ist’s hier!“ stellte Lillian fest, auch wenn der einige km lange Strand an manchen Stellen doch sehr touristisch ausfiel. Der Teil des Strandes, an dem die Wohnung von Carla liegt, gefällt ihr richtig gut.

Mit Peter wäre der Tag ganz anders verlaufen. Peter hätte mindestens zwei Stunden länger geschlafen und Walken war für ihn kein Thema. Sie hätten dann irgendwann einen Spaziergang gemacht, sicher nicht die ganze lange Strecke und auch zwischendurch mit bestimmt zwei Stopps um Cafe con Leche zu trinken. Im Gegensatz zu Lillian ist Peter ein totaler Kaffee-Junkie mit bestimmten Ansprüchen, und ohne den passenden Kaffee wird er nörgelig. Löslicher Nescafé Espresso als Lungo, den Lillian echt lecker findet, reicht ihm zum Frühstück schon gar nicht. Er hätte sicher die elektrische Bialetti, die Lillian ihm letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte, mit im Gepäck.

So ist Lillian echt glücklich, den Tag so gestalten zu können, wie sie mag und die Stadt auf ihre Art zu erkunden.

Peter war – wie immer – etwas beleidigt, dass sie alleine ohne ihn in Urlaub fahren wollte. Dabei müsste er sich doch langsam daran gewöhnt haben. Und ganz abgesehen davon, dass er weder die Zeit hat, noch das Geld für „schon wieder“ Urlaub ausgeben will. Immerhin war er dieses Jahr schon zweimal je zwei Wochen mit Lillian in Urlaub gewesen.

Vor allem Las Palmas will Lillian auch alleine erkunden, da würde Peter doch ziemlich stören. Sie will herausfinden, ob Las Palmas eine Stadt ist, in der sie mal leben könnte. Vielleicht nicht das komplette Jahr, zumindest vorerst nicht, aber sicher einen Teil des deutschen Winters.

Das ist wohl auch noch etwas, was Peter Angst macht. Er hat, als sie sich nach 33 Jahren wiedergetroffen und neu kennengelernt haben, nicht ernst genommen, was sie ihm in den ersten Telefonaten erzählt hat. Lillian will auf Dauer nicht in Deutschland bleiben, sie weiß zwar noch nicht, wo sie leben will, aber weg will sie, das ist sicher. Nachdem sie sich dann ganz schnell neu verliebt hatten und Peter ihr den Heiratsantrag gemacht hatte, hatte er sich vorgestellt, dass Lillian Berlin verlässt und zu ihm nach Lauenburg aufs Land zieht.

Lillian ist immer noch in Berlin und genießt es, dass sie unter der Woche alleine ist. Sie sehen sich fast jedes Wochenende, häufiger in Lauenburg als in Berlin. Peter hat inzwischen begriffen, dass das Leben auf dem Land nichts für Lillian ist.

Gemeinsam waren sie jetzt drei Mal auf griechischen Inseln in Urlaub. Lillian liebt besonders die Kykladen, aber irgendwie fehlt ihr da die Großstadt. Das hat Peter inzwischen verstanden. Da Las Palmas eine Großstadt direkt am Meer ist, macht ihm ihre aktuelle Reise Angst. Angst, dass Lillian damit die Stadt findet, in der sie – sobald es ihr Job zulässt – einen Teil des Jahres verbringen wird. Und in Lillians Job-Zukunft ist momentan alles offen.

Peter ist aus gesundheitlichen Gründen mit seinen 58 Jahren frühpensioniert worden. Er könnte gut einen Teil seiner Zeit im Ausland verbringen. Doch er will das nicht, er schafft sich immer neue Baustellen, die ihn an Lauenburg binden.

Der Wein ist leer, das Schälchen mit den Erdnüssen zum Glück nur halb. Lillian zahlt. Sie bummelt weiter durch die Gegend, findet das gesuchte Restaurant, anscheinend dauerhaft geschlossen. Sie muss lachen, deshalb hatte Google Maps angegeben, dass es einige km entfernt liegen würde, anscheinend ist es umgezogen.

Auf dem Rückweg zu Carlas Wohnung kommt Lillian an einer Sprachschule vorbei, es gibt auch Espanol para extranjeros. Das passt ja. Wenn es auch nichts für diese Woche ist, so aber gut für später.

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