Steh ich nun auf Schlager? Komm ich jetzt in das Alter?

Vor etwa drei Jahren war ich an einem Samstagnachmittag mit Peters Auto allein unterwegs. Der eingestellte Radiosender nervte mit einer Umfrage, der CD-Player funktionierte nicht, also drückte ich den Sendersuchlauf.

Eine Frauenstimme sang „Das wär dein Lied gewesen“, das klang interessant und die Stimme gefiel mir auch. Leider sagte der Moderator anschließend nicht, wer da gesungen hatte. Es folgte ein alter Schlager von Marianne Rosenberg. Ich musste schmunzeln, den kannte ich noch. Dann gab es ein Stück von irgendwelchen Buabn, was ich meinte, schon einmal in der HAFENBAR gehört zu haben.

Die Musik machte gute Laune. Bevor ich das Auto bei Peter wieder abstellte, stellte ich jedoch das Radio auf den alten Sender wieder zurück. Zum Glück war der abgespeichert. Irgendwie wollte ich nicht, dass Peter meine Senderwahl mitbekam.

Abends beim Kochen hörten wir wieder seinen Lieblingssender, die übliche aktuelle Mainstream-Mucke. Aus den redaktionellen Beiträge schließe ich auf eine Hörer-Zielgruppe, die mindestens eine Generation nach uns kommt. Immerhin spielen sie aber auch mal die Toten Hosen, die immer noch zu meinen Lieblingsbands gehören.

Es muss ein paar Monate später gewesen sein, meine älteste Freundin hatte geschäftlich ein paar Tage in Berlin zu tun und mich bei dieser Gelegenheit besucht. Manuela und ich kennen uns seit Kinderzeiten und waren als Teenies ganz dicke. Später haben wir uns ganz anders weiterentwickelt, sie hatte früh geheiratet, ich die freie Liebe genossen. Aber auch wenn wir in unterschiedlichen Städten wohnen, führen wir alle paar Wochen lange Telefonate und sehen uns mindestens einmal im Jahr.

Zum üblichen Mädelsabend brachte Manuela eine selbstgebrannte CD von Ina Müller mit „Die sollte dir auch gefallen.“ Und da war es wieder, das Lied, was ich in Peters Auto gehört hatte. Manuela hatte sie aber wegen „Mit Mitte 20“ ausgesucht. Da hätte sie mich erkannt, erzählte sie mir. Klar, früher hatte ich immer jüngere Männer. Wir mussten lachen. „Und jetzt ist dein Mann zwei Jahre älter. Das kann ich immer noch nicht verstehen. Aber ich weiß, Jugendliebe!“.

Der Rest der CD gefiel mir auch sehr gut. Ich hörte die CD ein paarmal, doch dann verschwand sie zwischen Till Brönner, Coldplay und Fritz Kalkbrenner.

Peter hat – wie ich finde – auch einen seltsamen Musikgeschmack. Die Toten Hosen kannte er nicht, Rammstein findet er – wie ich auch – gut. Er hat CDs von Unheilig, Schneewittchen und Annett Louisan und manchmal hört er irgendwelche fürchterliche elektronische Technomucke in heftiger Lautstärke. Dann bitte ich ihn, doch die Lautstärke runter zu regeln oder noch besser, die Musik zu hören, wenn ich während der Woche nicht bei ihm bin.

Überhaupt finde ich die Lautstärke, in der Peter manchmal seine Lieblingsmucke hört, viel zu heftig, auch wenn es Unheilig ist. Das ist auch eins von Peters Argumenten für sein einsames Haus. Er kann – zu welcher Uhrzeit auch immer – in heftigster Lautstärke Musik hören und niemand stört es. Ja, immerhin tut er das auch ab und zu. Ich müsse mich da ja einschränken, meint er. Doch ich muss mich nicht einschränken, denn mir ist das gar nicht wichtig. Und meine kleine TEAC-Anlage mit den B&W-Boxen klingt auch in geringeren Lautstärken gut.

Früher hatte ich auch gerne heftig laut meine Punk- und Psychobilly-CDs gehört, bin dazu durch die Wohnung getanzt. Früher, wann war das eigentlich? Hm, ich denke, bevor ich Mitte 30 war. Danach bin ich zwar noch in Punk-Konzerte gegangen, aber zuhause war mir die Musik nicht mehr so wichtig.

Und jetzt, jetzt gehe ich in Jazz-Konzerte. Jazz mochte ich auch schon mit Anfang 30. Ich bin heut noch stolz darauf, dass ich Till Brönner zu einem Eintrittspreis von 10 DM im A-TRANE gesehen hab. Nach wie vor mag ich aber keine großen Hallen, sondern lieber kleine Clubs.

Bei mir läuft zuhause oft das Radio, morgens für die Informationen, abends für Info und Musik, meist Radio Eins oder Sputnik. Irgendwann abends hat es mich dann mal wieder genervt, dass es statt Musik irgendwelche Wortbeiträge gab. Ich zappte also mich also ein wenig durch die Sender und kam zu SWR4. Ein bisschen Herz-Schmerz, ein bisschen Romantik … erst wollte ich weiterzappen, doch dann blieb ich hängen. An dem Abend gefiel mir das gut. Man müsste mal wieder in die HAFENBAR gehen.

Der CD-Stapel neben der Anlage war inzwischen ganz schön groß geworden. Beim Wegsortieren stieß ich wieder auf die Ina Müller-CD. Die gefiel mir wieder richtig gut. Auf amazon gab es gerade günstig noch ein paar andere CDs von ihr. Also reinhören, für gut befinden und bestellen.

Die nächsten Wochen hörte ich abends die Ina Müller-CDs rauf und runter. Auch zum Mädelsabend mit Tanja, Maja und Ela liefen die CDs. Keine von meinen Freundinnen hatte bereits was von Ina Müller gehört, Tanja und Ela gefielen die Texte, die Musik, Maja nicht so. Liegt es vielleicht daran, dass Tanja und Ela in meinem Alter und Maja zwölf Jahre jünger ist?

Ina Müller macht ja nun nicht wirklich Schlager, oder doch? Auch wenn ihre Texte von der modernen Frau in der aktuellen Zeit handeln … Ich weiß es nicht, es ist aber auch egal, wo sie anzusiedeln ist, mir gefällt sie.

Etwas beunruhigender finde ich, dass ich – seitdem ich die Texte von Ina Müller schon fast auswendig kann – wieder abends SWR4 einschalte. Auch wenn ich zwischendurch mal Kraftclub oder Deichkind auflege und mich ein wenig austobe. Manche dieser schnulzigen Schlager auf SWR4 scheinen mir gut zu tun, lassen mich echt runterkommen und entspannen. Wobei es mit Sicherheit keine Träumerei von heiler Welt und so ist. Andererseits könnte mir Peter aber mal wieder Tulpen mitbringen … bevor die Saison wieder vorbei ist. Es ist nicht schön, sie immer selbst zu kaufen.

Wenn ich abends SWR4 höre und das Telefon klingelt, mache ich schnell das Radio aus. Irgendwie ist es mir etwas peinlich, dass jemand mitbekommen könnte, was ich da höre. Ina Müller ist da wohl doch ein anderes Genre. Aber nicht unbedingt eins für Männer. Als ich letztens eine CD von ihr laufen hatte, meinte Peter „Was hörst du denn neuerdings für komische Musik.“.

Und jetzt schalte ich mal wieder SWR4 ein.

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